Produktion on Demand: Wie Josea Surfwear mit 10.000 produzierten Bikinis auf der Erfolgswelle reitet

Shopify Podcast Josea Surfwear

Shopify ist zurück in Hamburg – in Zeiten von Social Distancing natürlich aber nur digital! Für unsere neueste Podcast-Folge haben wir mit der Gründerin Jocelyn Kotulla von Josea Surfwear gesprochen. Als passionierte Kitesurferin fand sie nie den passenden Surfbikini, der wirklich Halt und Sicherheit gibt – also machte sie ihn kurzerhand selbst.

2019 produzierte Jocelyn in Hamburg mit ihrem Team bereits 10.000 Stück. Das Besondere: Die Produktion findet on Demand statt, um Überproduktion und Müll zu vermeiden.

Wie Jocelyn mit minimalem Startbudget ein äußerst erfolgreiches Unternehmen aufbaute, wie sie zu Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung steht und was die Gründerin zur Investoren-Szene in Deutschland zu sagen hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag und direkt im Podcast.

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    Show Notes

      Mehr Tipps und Einblicke in die Unternehmensgründung mit kleinem Startkapital gab uns Jocelyn im Interview für diesen Blogbeitrag

      Von der Leidenschaft zum Unternehmen

      Manuel Fritsch: Ihr macht Bikinis speziell zum Surfen? Warum braucht es neue Bikinis zum Surfen?

      Jocelyn Kotulla:
      Ich bin selbst leidenschaftliche Surferin und mache das auch schon ein paar Jahre, auch schon vor der Firma. Das Ganze hat mich zu den Bikinis gebracht. Ich hatte eine Reise geplant nach Brasilien und kurz vor der Reise habe ich mir meinen Knöchel angebrochen und musste pausieren. Also konnte ich den ganzen Sommer nicht an die Nordsee und an die Ostsee fahren zum Kitesurfen, sondern musste zu Hause sitzen und hatte extreme Langeweile. Ich hatte aber diesen Urlaub bevorstehen im Herbst und habe gedacht: Okay, jetzt kannst du ordentlich Zeit investieren und deinen Bikini finden. Ich bin dann in die Innenstadt gefahren, zum wiederholten Male und habe einen Bikini gesucht und wieder keinen gefunden. Ich war so frustriert, dass ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein, heutzutage gibt es so viele sportliche Frauen, die in Bewegung sind und Beachvolleyball spielen und Surfen, Kitesurfen, und es gibt keine Bikinis, die so sitzen, dass man damit richtig gut Sport machen kann.

      Manuel:
      Was ist das Problem an klassischen Bikinis?

      Jocelyn:
      Es gibt natürlich diesen typischen Bikini, mit dem man in der Sonne liegen kann und der sieht auch toll aus. Aber so richtig, dass man darin jetzt rumspringen kann und hüpfen kann, ohne dass man das Gefühl hat, dass irgendwas rausfällt, hat man oftmals nicht. Gerade, wenn man jetzt nicht unbedingt ein A-Körbchen hat, sondern B und C, da wird es dann halt einfach echt zum Problem. Du machst irgendwas Aktives und zuppelst dann ständig an deinem Top rum und bist dann am Ende des Tages mehr damit beschäftigt, deinen Bikini zu richten, als dass du dich wirklich auf die Tätigkeit konzentrieren kannst.

      Ich habe mich auch mit meinen Freunden drüber unterhalten und die haben das natürlich auch alle bejaht. Dann habe ich meine Dozentin angerufen - ich habe Mode- und Textilmanagement studiert - und habe sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, ein Produkt mit mir zu entwickeln, einfach nur für mich, für meinen Urlaub. Da meinte sie: „Ja klar, gar kein Problem, komm vorbei“. Dann haben wir einen Bikini für mich entwickelt, den ich mit nach Brasilien nehmen konnte zum Kitesurfen. Mit diesem Bikini bin ich nach Brasilien geflogen und da war eine riesengroße Truppe mit Mädels. Auf einmal wollten alle diesen Bikini haben. Dann habe ich angefangen für die Mädels noch so ein paar Bikinis zu machen und habe gemerkt: Okay, irgendwie bekomme ich immer mehr Anfragen. Ich kann ja mal einen Shop eröffnen und gucken, wie das läuft. Also gar nicht mit der Intention, jetzt ein Riesenunternehmen zu gründen, sondern einfach, um der Nachfrage gerecht zu werden, die damals irgendwie so da war.

      Jocelyn Kotulla Josea Surfwear
      Die Gründerin Jocelyn in ihrem Element

      Manuel:
      Wie war deine berufliche Situation zu der Zeit?

      Jocelyn:
      Ich war damals schon selbstständig. Nach dem Studium habe ich kurz im Angestelltenverhältnis gearbeitet, aber für mich festgestellt, dass das nicht so meins ist. Ich habe mich dann selbstständig gemacht, habe anfangs in Indonesien Handtaschen produziert, dort auch so eine kleine eigene Produktion aufgebaut, die Handtaschen importiert und über Amazon verkauft. Das hat Spaß gemacht, aber es war halt immer so diese extreme Abhängigkeit von Amazon da. Der direkte Kundenkontakt besteht zwar, aber du hast weniger Interaktion mit dem Kunden als über einen eigenen Online-Store. Diese Kundenbeziehungen und diese Freude daran, Produkte weiter zu entwickeln mit dem Feedback des Kunden, das mochte ich immer gerne, auch im Beruf davor. Das hat mir bei Amazon gefehlt. Plus, ich habe Handtaschen gemach, das hatte nichts mit meiner Leidenschaft zu tun. Klar, ich habe ein bisschen nach Perfektion gestrebt. Was macht man gerne selbst? Was ist für einen selbst erfüllend? Wo hat man das Gefühl, dass man was Gutes tut? Deshalb war für mich damals die Entscheidung so: Eigentlich wäre es doch viel cooler, wenn ich irgendwas mache, was mit meiner Leidenschaft zu tun hat.

      Einen Need erkennen und reagieren

      Manuel: Ich habe gelesen, dass du dann anfangs auch immer mit Sport-BHs unterwegs warst. Ist daraus dann die Idee entstanden, dass du gesagt hast, eigentlich bräuchte es einen Bikini, der wie ein Sport-BH funktioniert?

      Jocelyn:
      Ja genau. Das war im Prinzip die Grundidee. Definitiv.

      Manuel:
      Hättest du die Firma und diese Idee auch entwickelt, wenn du nicht aus der Textilecke gekommen wärst?

      Jocelyn:
      Ich hätte das auf jeden Fall auch so gemacht, auch wenn ich jetzt nicht aus der Textilecke gekommen wäre. Ich glaube, wenn man eine Leidenschaft für irgendwas entwickelt oder wirklich merkt, dafür schlägt mein Herz oder da merke ich, habe ich ein extremes Interesse daran, dann ist das eigentlich egal, ob man den Background hat oder nicht. Meine Erfahrung in den letzten zehn Jahren Berufserfahrung: das beste Studium ist das Leben und das, was du machst. Das, was du beruflich machst, mit welchen Menschen du interagierst, das ist das Real-Life-Studium. Das hat mich viel mehr gelehrt, als die Uni, an der ich studiert habe oder die Schule oder die Ausbildung.

      Manuel:
      Dann hattest du deinen ersten Prototyp, dein persönliches, eigenes Exemplar. Wo war dieser Moment, dass du gemerkt hast, das könnte mehr sein als nur ein Bikinioberteil für mich selbst?

      Jocelyn:
      Eigentlich, als wir in Brasilien alle zusammensaßen. Da waren so zehn Mädels und alle waren echt begeistert. Und als ich am Strand entlanggegangen bin und viele mich darauf angesprochen haben. Ich habe mal den Spruch gehört: Der Kunde sagt dir schon, was er will. Der Kunde leitet dich. Und wenn du irgendwie drei- oder fünfmal angesprochen wirst innerhalb von einer Stunde, dann ist das eine ganz gute Indikation. Dann weißt du schon, da ist irgendwie Interesse da.

      Manuel:
      War der so auffällig anders oder haben das die Augen der Mädels gleich erkannt, dass das kein normaler Bikini ist?

      Jocelyn:
      Ich glaube, es war einfach der Need da in der Zeit, es gab Triangel-Bikinis und es gab Sport-BHs. Die meisten sind in Sport-BHs rumgerannt. Die Sport-BHs sahen aber irgendwie nicht so farbenfroh aus. Die hatten nicht diese typischen Bikinifarben. Also das heißt, das Produkt ist schon in dieser Surfszene aufgefallen definitiv, weil es ein Produkt in der Richtung nicht gegeben hat.

      Die Surfbikinis bieten Halt und Sicherheit bei actionreichen Aktivitäten

      Warum Wachstum auch beängstigend sein kann

      Manuel: Wie bist du dann weiter vorgegangen, um daraus schlussendlich eine Firma zu machen?

      Jocelyn:
      Ich bin ganz klein angefangen. Ich hatte auch erst ein kleines Büro, in dem ich gesessen habe, bin dann aber auch weiterhin immer noch zu meiner Dozentin gefahren und habe ihr Materialien vorbeigebracht und sie hat das Ganze dann genäht. Dann irgendwann wurde das so viel, dass sie gesagt hat, sie schafft das jetzt auch nicht mehr und sie hat die Kapazitäten nicht. Und dann habe ich gedacht: Dann musst du dir jetzt eine Nähmaschine ins Büro stellen und jemanden finden. Dann habe ich angefangen mit Freiberuflern, die dann mal für fünf oder für acht Stunden am Tag vorbeigekommen sind und die ersten Bestellungen genäht haben. Dann sind wir wirklich Schritt für Schritt weitergewachsen. Irgendwann habe ich gemerkt: Oh Mensch, jetzt finde ich auch nicht mehr so viele Freiberufler und jetzt wäre es eigentlich mal gut, wenn man eine Vollbeschäftigte hätte. Zu Weihnachten habe ich meine erste Vollzeitkraft angestellt. Dann merkst du irgendwann, die schafft das auch nicht mehr. Dann suchst du nach einer zweiten. Also wirklich Step by Step, klein angefangen und dann immer peu à peu weiter ausgebaut.

      Manuel:
      Dadurch, dass du selbstständig warst, war das wahrscheinlich auch kaufmännisch relativ einfach, weil das ganz normal und organisch wachsen konnte, oder?

      Jocelyn:
      Ich weiß halt von mir, ich bin so ein Fokustyp. Ich bin nicht der Typ, der fünf Sachen gleichzeitig machen kann. Sondern ich weiß, ich habe ein Ding und da gehe ich voll auf und da steck ich dann komplett meine Energie rein. Das war bei mir auch so der Fall. Ich war nicht mehr angestellt, sondern hatte Hundertprozent Kapazität für dieses Projekt. Das war auf jeden Fall mutig, weil natürlich am Anfang auch noch gar nicht dieses finanzielle Income da war, dass ich mir das hätte leisten können. Ich bin komplett von Anfang bis heute eigenfinanziert. Klar, da hat man natürlich immer Phasen, in denen man knausert oder gerade am Anfang, wo du so denkst: Oh Gott, hoffentlich klappt das dann auch. Dann hat man natürlich auch Ängste und Sorgen, und das ist ja völlig normal.

      Manuel:
      Was waren denn diese größten Hürden und Schwierigkeiten am Anfang, wo du dachtest: Gehe ich da in die richtige Richtung?

      Jocelyn:
      Also ich muss ehrlich sagen, diese erste Phase, das ist ja so diese Euphorie-Phase. Das war für mich rückblickend die geilste Phase eigentlich, weil zu dem Zeitpunkt hatte ich überhaupt gar keine Bedenken. Ich habe einfach gemerkt, krass, es geht ab! Und dann geht es nur noch darum, Lösungen zu finden. Dann ploppt ja immer ein Problem nach dem nächsten auf und dann findest du die ganze Zeit Lösungen. Also Kapazitätsprobleme, alles klar, neue Nähmaschine anschaffen. Oder jetzt müssen wir hier den Prozess verändern, weil wir da nicht effizient sind.

      Aber natürlich irgendwie Angst im Sinne von, hoffentlich kriegt man das hin, hoffentlich ist man dieser Wucht gewachsen. Was wir im Prinzip die ganze Zeit hatten, war einfach ein extremes Wachstum. Das ist schwierig zu beschreiben. Ich glaube das ist wie so eine Krankheit. Wenn man das selbst mal gehabt hat, dann kann man das nachvollziehen, wenn man sich mit jemandem darüber unterhält. Das ist halt auch einfach eine krasse Nummer.

      Manuel:
      Es ist beides, euphorisierend und beängstigend zugleich.

      Jocelyn:
      Total. Es ist wie so eine Droge, wie ein Rausch eigentlich. Also auf der einen Seite total der Stoke und wir sind jetzt hier auf dem Zug und fahren mit Vollspeed durch die Gegend. Und auf der einen Seite versuchst du einfach den Zug zusammenzuhalten und denkst: Oh Gott, jetzt darf auf gar keinen Fall irgendein Rad abfallen oder so. Jetzt darf einfach gar nichts schiefgehen, es muss einfach alles genau so weiterlaufen.

      Manuel:
      Ist es heute immer noch so, dass man das Gefühl hat, man ist auf einem brennenden Zug und fährt mit Vollspeed?

      Jocelyn:
      Wir haben tatsächlich jetzt in den letzten dreieinhalb Jahren alle Phasen bis zur großen Skalierung durchgemacht. Das ist nach wie vor so, dass das Gefühl da ist, auf jeden Fall.

      Die Hürden für die Skalierung

      Manuel: Wie groß seid ihr jetzt?

      Jocelyn:
      Vergangenen Sommer 2019 waren wir glaube ich 14 Personen bei uns und haben alles in Hamburg gefertigt. Wir haben im letzten Jahr so knapp 10.000 Teile bei uns in Hamburg produziert. Das ist schon eine krasse Hausnummer. Durch das starke Wachstum der Vorjahre haben wir letztes Jahr ganz viele Fehler gemacht. So wie natürlich alle anderen auch. Es spricht halt einfach nur keiner drüber. In Deutschland habe ich manchmal das Gefühl, da sind Fehler echt immer so schlimm. Aber wir haben so viel falsch gemacht und wir haben so viel gelernt. Wir sind einfach zu krass gewachsen und unsere ganzen Strukturen und Prozesse sind überhaupt gar nicht hinterhergekommen. Das ist jetzt letzten Endes auch der Punkt, der uns noch nicht hat zur Skalierung springen lassen. Wir haben gemerkt, mit der On-Demand-Produktion hier in Hamburg können wir einfach nicht so skalieren, wie wir vielleicht skalieren wollen würden. Ich habe sehr, sehr viele Jahre an dem Konzept festgehalten, in Deutschland zu produzieren und auch nachhaltig on Demand aus recycelten Materialien. An meinen Idealen halte ich auch noch fest, aber wir sind jetzt zu der Erkenntnis gekommen, dass wenn wir weiterhin wachsen wollen und da auf Wachstumskurs bleiben möchten, dass wir mit der Produktion hier in Hamburg nicht profitabel weiterfahren können.


      Produktion on Demand: Jedes Teil wird erst gefertigt, sobald eine Bestellung aufgegeben wurde

      Manuel:
      Deine Ideale: es war von Anfang an wichtig, nachhaltig zu produzieren im Sinne von dem Material. Das ist aus einem speziellen Granulat, was aus wiederverwertbaren Abfällen entsteht, die auch im Meer gesammelt werden. Quasi Plastikmüll, der dann wieder zu Bikinis wird. Das ist ein tolles Konzept, und das behältst du auch weiter?

      Jocelyn:
      Genau. Also wir haben mehrere Themen, zum einen das, was du auch gerade schon gesagt hast, dass wir recycelte Materialien verwenden, plastikfrei natürlich verpacken und versenden und alle Produkte on emand produzieren. Das heißt, es sind wirklich erst die Bestellung reingekommen und dann haben wir produziert und geliefert. Was viele nicht so auf dem Zettel haben, dass das so ein Riesenimpact ist, aber es ist tatsächlich so, dass die Fashionbranche nach der Ölindustrie die Branche ist, die am meisten Abfall produziert. Also der zweigrößte Polluter.

      Manuel:
      Weil alles auf Lager produziert wird in allen 1000 Größen.

      Jocelyn:
      Genau. In 1000 Größen und es werden ungefähr 40 Prozent dessen, was produziert wird, weggeschmissen. Wenn man das gedreht bekommt und sagt, wir vernetzen jetzt einfach den Produzenten mit dem Endverbraucher, binden den Handel mit ein, aber produzieren on Demand und haben nicht mehr diese Überproduktionen. Der Kunde muss vielleicht auch wieder diesen Kompromiss eingehen, ein bisschen zu warten, aber dann hätte man theoretisch, schon 40 Prozent Abfall eingespart, was weltweit einfach eine enorme Menge wäre. Das ist so einer unserer größten Leitsätze.

      Klar, und in Hamburg natürlich die Produktion. Wir haben bis zum letzten Jahr alles in Hamburg produziert. Ich wollte eigentlich immer sehr realitätsnah am Markt agieren und sagen: Okay Leute, wenn ihr Bekleidung haben wollt und dass alles fair abläuft und die Leute, die eure Kleidung produzieren, das gleiche Gehaltsniveau haben wie ihr auch, dann müsst ihr Preis X für das Produkt zahlen. Ab einem gewissen Preispunkt ist der Kunde nicht mehr dabei. Das ist so die Erfahrung, die wir gemacht haben. Ab einem gewissen Preispunkt springt der Kunde einfach ab. Und dann spielt auch die Nachhaltigkeit keine Rolle mehr oder die Produktion in Deutschland. Ich kann es auch nachvollziehen, 200 Euro für einen Bikini möchte ich auch nicht ausgeben, dann kaufe ich halt ein Produkt, was in Portugal produziert wurde und was auch nachhaltig aus recycelten Materialien entstanden ist. Wo ich weiß, dass die auch zu einem guten Mindestlohn bezahlt werden.

      Manuel:
      Und was ändert sich jetzt? Welche Kompromisse musst du jetzt eingehen?

      Jocelyn:
      Wir werden die Produktion ins Ausland verlegen und gehen da höchstwahrscheinlich nach Portugal, weil da einfach eine große Textilindustrie da ist, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat, und werden dort dann produzieren, um die Kapazitäten fürs Wachstum leisten zu können.

      Manuel:
      Das Prinzip aber bleibt gleich, nur halt das Lohnverhältnis ist dort ein anderes, verstehe ich das richtig?

      Jocelyn:
      Genau.

      Investments: Scheitern ist keine Option in Deutschland

      Manuel: Ist das was, was du jetzt schade findest oder ist das für dich ein gangbarer Weg, wo du sagst, lieber so, um weiter die Grundidee voranzutreiben?

      Jocelyn:
      Ich finde es schon schade und ich habe auch lange für die Erkenntnis gebraucht, habe auch sehr, sehr lange dran festgehalten und habe es auch nicht wahrhaben wollen. Rein rechnerisch könnten wir wahrscheinlich auch die Skalierung hier machen, da müssten wir aber ganz viel in Digitalisierung und Automatisierung investieren. Dafür wäre einfach ein extrem großes Investment nötig und dieser Support in Deutschland, der ist halt einfach nicht so da. Das ist schwierig. Es gibt super viele Stiftungen und Förderungen, aber im nachhaltigen Textilbereich ist nicht unbedingt der Support da.

      Manuel:
      Meinst du jetzt auch den Mut, in solche Unternehmen zu investieren?

      Jocelyn:
      Von der Investitionsfreudigkeit ist das auf jeden Fall
      eine Problematik. Im Textilbereich sind alle sehr, sehr bedacht und sehr vorsichtig. Tech und Mobilität, das sind so Bereiche, in denen jetzt die meisten Summen über den Tisch fließen. Aber Textil, ich habe das Gefühl, das ist nicht so Trend und auf den Zug muss man nicht aufsteigen als Investor.

      Manuel:
      Da sind andere Länder, andere Investoren auch deutlich risikofreudiger.

      Jocelyn:
      Also empfinde das auch ganz stark so, wir haben jetzt einen amerikanischen Angle und was da für Comments kommen, da denke ich manchmal so, es ist unglaublich, mit was für einer Einstellung die Start-ups betrachten und auch ein Business betrachten. Du hast jetzt das und das an Cash verbrannt, das war jetzt ein Learning, das war jetzt deine Akademie und das ist total cool, jetzt hast du das und das daraus gezogen und das kannst du jetzt besser machen. Das wird alles so ein bisschen leichtfüßiger gesehen. Das ist nicht so angstbehaftet. Ich habe das Gefühl, in Deutschland ist immer alles sehr, sehr auf Sicherheit ausgelegt und sobald ein Business nicht hundertprozentig sicher ist, kann man da nicht reingehen, denn das ist ja zu riskant.

      Manuel:
      Also da darf ein Unternehmen gar keine Fehler machen und darüber reden ist auch verpönt. Das ist natürlich das Problem, dann mit Investments zu finden, wenn man ein Risiko hat.

      Jocelyn:
      Also ich finde, ein guter Investor ist nicht ein Investor, der reingeht und dir finanzielle Mittel zur Verfügung stellt und dann von dir erwartet, dass du genau das machst, was er gerne möchte. Das ist nämlich kein Investor, sondern letzten Endes dann ein Firmeninhaber, der nicht involviert ist, sondern einfach nur die Line zieht. Ein Investor ist jemand, der dir finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, der dir vertraut, der dich natürlich berät und sich mit dir abstimmt und seine Erfahrung teilt, aber der dich auch seinen eigenen Weg gehen lässt. Ein guter Investor ist, finde ich wie gute Eltern. Die einem die Freiheit geben, das zu machen und zu lernen, damit man selber auch in der Persönlichkeit wächst, aber auf der anderen Seite natürlich auch aufpassen, dass man einfach abgesichert ist. Mein Wunschinvestor würde so aussehen. Aber davon gibt es leider in Deutschland nicht so viele.

      Manuel:
      Hat das gereicht über die Anfangsjahre hinweg so on Demand zu arbeiten und dann immer den Cashflow zu haben oder hattet ihr schon früher die Idee, Investoren ran zu holen?

      Jocelyn:
      Das hatte in den ersten zweieinhalb Jahren richtig gut geklappt, aber wir waren auch immer sehr, sehr sparsam, und knauserig. Wir haben auch teilweise wichtige Investitionen, die wir eigentlich hätten tätigen müssen, nicht getätigt, weil das Budget nicht da war und wir gesagt haben: okay, das können wir uns jetzt einfach nicht leisten.
      Dann ab einem gewissen Punkt letztes Jahr - mit den knapp 10.000 - sind wir einfach an Grenzen gestoßen. Ab einem gewissen Punkt brauchst du finanzielle Mittel, um weiter zu wachsen. Irgendwie merken wir jetzt, das ist eine Jacke und die wird immer enger. Jetzt müssen wir handeln und jemanden finden, der da einsteigt und der vor allen Dingen auch Know-how in dem Bereich mitbringt und uns da supporten kann.

      Manuel:
      Jetzt ist der Shop, zum Zeitpunkt der Aufnahme, gerade in der Winterpause. Ist das jetzt der größere Umbau zum Neubeginn?

      Jocelyn:
      Das ist jetzt der größere Break vor dem Neubeginn. Weil wir jetzt die Produktion hier in Hamburg eingestellt haben und alles, was hier getätigt wurde, beendet und abgeschlossen haben und jetzt neu die Produktion im Ausland starten.

      Produktion on Demand aka Weltretter-Aufgabe

      Mit ihrem Konzept arbeitet Jocelyn aktiv gegen den Überfluss und Massenproduktion, wie sonst in der Fashion-Branche üblich

      Manuel: Aber dieser On-Demand-Gedanke, der bleibt?

      Jocelyn:
      Der bleibt auf jeden Fall. Weil das geht einfach nicht, das kannst du nicht mit deinem Gewissen vereinbaren. Wir hatten das Lager natürlich immer bei uns, ein kleines Lager durch Rücksendungen, wenn ein Teil zurückkommt und du das nicht verwursteln kannst direkt. Dann siehst du das aber schon im Kleinen und das tut dir schon so krass weh. Also wir saßen da teilweise und dachten echt: Oh Gott! Und du siehst den Wert, der geschaffen wird. Du siehst die Näherin, die an dem Teil eine Stunde sitzt, und dann muss sie das Teil noch mal auftrennen, weil sie eine Naht falsch genäht hat. Dann ist sie nach anderthalb Stunden fertig und da ist dann wirklich so ein Top entstanden und das ist einfach wunderhübsch und sieht total toll aus. Dann ist da eine Kundin und die bestellt irgendwie 3 Sets und 2 Sets schickt sie davon wieder zurück, und ein Set tauscht sie noch mal in eine andere Größe um. Das ist schon der Moment, wo du anfängst Richtung Nachhaltigkeit zu denken und dir Gedanken darüber machst: wie können wir es dem Kunden und der Gesellschaft eigentlich kommunizieren, was da passiert und was da stattfindet und was das bedeutet, der typische Claim „Schrei vor Glück oder schick‘s zurück!“.

      Manuel:
      Das ist so eine Erwartungshaltung, die jetzt die Kunden und Kundinnen wahrscheinlich auch einfach haben. Fällt es euch schwer, dass denen beizubringen oder wird das sogar eher gefeiert von eurer Kundschaft?

      Jocelyn:
      Wir haben extrem viele Kunden, die das total verstehen und die auch sehr informiert sind, die auch total das Verständnis dafür aufbringen, wenn das zwei bis drei Wochen dauert. Die finden das Konzept toll und deswegen sind sie auch bereit zu warten. Aber wir haben natürlich auch Kunden, die einfach keinen Bezug haben dazu. Wie auch? Wie sollst du einen Bezug haben, wenn du überhaupt gar keinen Kontakt dazu hast? Also wenn du überhaupt gar nicht weißt, wie die Kleidung entsteht. Das zeigt ja keiner. Du gehst nicht durch die Innenstadt und H&M zeigt dir, wie eine Jacke produziert wird. Das ist wie die Fleischindustrie. Alle essen Fleisch, aber wenn jemand sieht, wie eine Kuh geschlachtet wird, dann laufen sie alle weg und keiner will mehr Fleisch essen. Das ist mit der Textilindustrie ähnlich. Alle wollen supergünstig einkaufen und möglichst wenig Geld ausgeben und wenn sie dann aber sehen wie das produziert wird, dann findet vielleicht auch mal ein Umdenken statt. Aber das ist einfach so viel Arbeit die Transparenz zu schaffen, das ist eine politische Arbeit. Das geht auch übers Unternehmertum hinaus, das ist Weltretter-Aufgabe.

      Manuel:
      Verhindert dieser löbliche Ansatz, das On-Demand, dass eure Produkte dann auch im lokalen Handel verfügbar sind? Gibt’s da Wege, die ihr habt, um noch einen größeren Markt zu erschließen?

      Jocelyn:
      Nee, das verhindert das aktuell. Also wir haben über Konzepte nachgedacht, wie wir uns mit anderen Onlinern vernetzen können und genau das gleiche Konzept so weiterhin durchziehen können, aber sind da jetzt auch noch nicht zu einer Lösung gekommen. Und in den letzten dreieinhalb Jahren waren wir mit unserem Wachstum über unsere Plattform mehr als zufrieden.

      Manuel:
      Sowas wie ein Popup-Store würde ja vielleicht noch zu euch passen, aber auch da müsste man ja dann wieder quasi auf Müll produzieren, weil man ja nicht alles abverkauft.

      Jocelyn: Ja genau, eben. Was ich mir vorstellen könnte, wäre so eine Art Mix. Showroom plus Office. Also wenn man jetzt sagt, ich will jetzt hier ein Büro, und wir haben einen Showroom, die Leute können vorbeikommen, können hier Sachen anprobieren, und das könnte ich mir richtig gut vorstellen.

      Manuel:
      Und dann auf Demand bestellen und nicht gleich mitnehmen.

      Jocelyn:
      Genau. Oder wenn was auf Lager da ist, dass man das dann mitnehmen kann, aber dass man das Kundenkonzept einfach beibehält.

      Der Weg zu Shopify

      Der Onlineshop von Josea Surfwear läuft erfolgreich auf Shopify

      Manuel: Als du damals den Online-Store aufgemacht hast, bist du da direkt bei Shopify gelandet, war das eine längere Reise?

      Jocelyn:
      Wir hatten uns mehrere Anbieter angesehen und die Optionen des Shop-Designs haben mir bei Shopify am besten gefallen. Ich habe immer versucht mich in den Kunden hineinzuversetzen, immerzu überlegt: Okay, was findet der Kunde ansprechend? Wie orientiert der sich? Die Shop-Lösung von Shopify oder die Themes, die von Shopify angeboten werden, fand ich zu dem Zeitpunkt total cool. Das waren jetzt drei, vier Themes, die ich gleich toll fand, wo ich gedacht habe: Oh Gott! Welches soll ich denn jetzt nehmen? Das hat dann letzten Endes meine Entscheidung auch gestärkt und dazu geführt, dass wir uns dann für Shopify entschieden haben.

      Manuel:
      Das starke Wachstum und der höhere Andrang hat dann auch keine Probleme verursacht?

      Jocelyn:
      Nee, es hat keine Probleme verursacht. Klar, man muss irgendwie gucken, welche App passt jetzt für meine Phase, in der ich gerade bin. Und auch dann gegebenenfalls im weiteren Wachstum auf andere Apps umzusteigen. Ich glaube, das ist einfach wichtig. Und wir hatten aber tatsächlich eine Mitarbeiterin, die war sozusagen unsere Shop-Managerin. Ihre Aufgabe war es unter anderem, sich immer über neue zu Apps informieren und sich auf dem Laufenden zu halten, den Blog zu verfolgen und zu schauen, was gibt’s Neues, was können wir ausprobieren, was können wir machen. Das hat ziemlich gut geklappt.

      Manuel:
      Ist das jetzt so ein Selbstläufer oder hast du auch Leute angestellt, die nichts anderes machen als E-Commerce, Instagram, Facebook Ads und solche Geschichten? Wie wichtig ist es das Produkt zu bewerben?

      Jocelyn:
      Wir haben tatsächlich ziemlich viel organischen Zulauf, wahrscheinlich auch mehr als andere Firmen, durch diese Nische, was schon ziemlich cool ist. Ich sag auch immer, der Kunde ist unsere wichtigste Werbung. Wenn wir einen guten Job machen und das Produkt stimmt und der Kunde zufrieden ist, dann empfiehlt er uns weiter. Nichts ist glaubwürdiger als ein Freund, der einem erzählt, hey, das Produkt ist richtig cool, ich bin da total zufrieden, schau dir das mal an oder probiere das mal an. Das ist das Coolste. Aber natürlich haben wir auch eine Person letztes Jahr Vollzeit im Team gehabt, die nichts anderes gemacht hat, als Marketing und Sales.

      Bewusstseinsänderung als Zukunftsvision

      Manuel: Wo geht denn die Reise jetzt hin? Was sind deine Zukunftsvisionen für Josea?

      Jocelyn:
      Meine Zukunftsvision für Josea findet mehr auf der Bewusstseinsebene des Kunden statt, also möglichst viele Menschen zu erreichen und möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, umzudenken und nachhaltig und bewusst zu denken. Das ist mein Ziel. Jeder BWLer, der das jetzt hört, denkt wahrscheinlich, oh mein Gott, da investieren wir auf gar keinen Fall. Mein Ziel ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen, Bewusstsein zu verbreiten und Leute dazu zu bewegen, auch diese Message weiter zu kommunizieren an ihre Freunde und daraus so eine Art kleine Fashion-Bewusstseinsbewegung zu machen.

      Manuel:
      Bleibt es denn bei Surfwear oder denkt ihr da auch über weitere Sachen nach, die außerhalb der Surf-Welt interessant wären?

      Jocelyn:
      Also ich finde alle Board-Sportarten und viele andere Sportarten sehr interessant. Der Surfer, der surft ja nicht nur, sondern der macht vielleicht auch Yoga, geht normal zum Fitness, fährt Mountainbike im Sommer oder Snowboard im Winter. Von daher kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, dass sich die Marke in Zukunft breiter aufstellt. Unsere Kundin ist da, unsere Kundin hat Bock auf die Marke, hat Bock auf unser Produkt und wenn wir in dem Anspruch, in dem wir unsere Surfwear gestalten, auch an andere Bekleidung für unsere Kunden anbieten können, dann wäre das doch ganz cool.

      Manuel:
      Wie sieht es denn mit den Männern aus?

      Jocelyn:
      Wir haben vorhin darüber gesprochen, der Kunde, der sagt einem schon, was er will und wir haben superviele Anfragen! Im Kitesurfen-Bereich in Deutschland gerade, das ist schon eine Männerdomäne und die fragen natürlich. Wir haben auf jeden Fall viele Prototypen bei uns gelagert und haben da schon ein bisschen rumprobiert.

      Manuel:
      Also von daher lohnt es sich immer wieder mal einen Blick auf deinen Shop zu werfen, sobald der wieder online geht.

      Jocelyn:
      Definitiv, auf jeden Fall!


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      Which method is right for you?Manuel Fritsch ist der Moderator des Shopify Podcasts. 2000 gründete Manu sein erstes Unternehmen und arbeitete 15 Jahre in der Agenturwelt. Seit 2015 ist er als freiberuflicher Spielejournalist für Fachmagazine, Zeitungen und seinen eigenen Podcast mit inzwischen über 2.500 Folgen tätig.

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